[ACHTUNG: Aufgrund der Länge und Tiefe des Eintrags empfiehlt es sich wahrscheinlich nicht, ihn auf einmal und nur einmal unreflektiert zu lesen.]
Wie viele von euch wissen, habe ich im Sommer 2007 mit der Kampfkunst Aikido begonnen. Es war nicht mein erstes Studium des Budo, denn meine Eltern haben mich im Alter von 8 Jahren schon zum Jiu Jitsu geschickt (das ich dann aber aufgrund von diversen schulischen Gründen nach 4 Jahren abbrechen musste).
In den letzten dreieinhalb Jahren hat sich einiges verändert. Ursprünglich habe ich mit dem Unterricht wieder begonnen, weil ich mich in der Selbstverteidigung weiterbilden wollte. Meine ersten Stunden waren aber der Horror: ein strenger Meister, der dir das Gefühl gibt, absolut wertlos zu sein, da du nichts richtig machst. Außerdem bemerkte ich nach nur wenigen Wochen, dass es noch sehr sehr lange dauern würde, bis ich diese Kampfkunst (wenn überhaupt jemals) tatsächlich im Ernstfall effektiv einsetzen könnte. Trotzdem, irgendetwas fesselte mich und ich blieb.
Seit einiger Zeit hat sich allerdings der Grund für meinen Besuch des Trainings verändert. Ich gehe nicht mehr dorthin, damit ich in einer Schlägerei eine gute Figur mache. Ich bin mittlerweile vielmehr am Hintergedanken des Systems interessiert. Man muss seinen Gegenüber nicht verletzen, um ihn zu besiegen. Man muss nicht einmal gegen ihn kämpfen, um ihn zu besiegen. Es geht vielmehr um körperliche und geistige Haltung; um Liebe und Mitgefühl.
Es gab bereits mehrere Schlüsselerlebnisse, die mir gezeigt haben, was aus mir werden kann, wenn ich nicht aufpasse:
Erlebnis 1 (Sommer 2008):
Es war in Kärnten, genauer gesagt im Garten meines besten Freundes Bernhard Zenz. Er selbst scheint recht begeistert von Kampfkünsten zu sein und hat selbst einen mehrmonatigen Kurs im Karate abgelegt. Leider war seine Martial Arts-Laufbahn danach vorbei. Wie auch immer, zurück zur Geschichte: Wir waren also in seinem Garten und aus irgendeinem Grund holte er die alten Holzmesser, die sein Großvater damals für ihn und seine Brüder geschnitzt hatte. Als er wiederkam, ging alles recht schnell. Ich erinnere mich noch an die Worte „So, jetzt zeig, was du kannst“, bevor das Holzmesser auf mich zuraste.
Und das ist jetzt kein Scherz: ich kann mich nicht mehr erinnern, tatsächlich etwas getan zu haben. Ich meine, natürlich habe ich etwas getan, aber es ging alles so schnell, dass ich keine Gelegenheit hatte, zu überlegen, wie ich reagieren sollte. Das nächste, an das wir beide uns erinnern, ist, dass er am Rücken lag, die Spitze der Holzklinge an seiner Brust hatte und ihm (laut späterer, eigener Aussagen) „alles weh tat“.
Ich hatte das Erlebnis schon vergessen, als er es dann bei seinem ersten Treffen mit Gudrun Geist im Herbst 2008 erwähnte. Sie reagierte mit einem Schulterzucken und den Worten: „Na ja, wenn man’s kann…“. Genau das ist der springende Punkt: Wenn das „Können“ ist, dann muss ich sofort aufhören damit. Ich will nicht einfach „funktionieren“, wie eine Maschine. Ich will eine Situation erkennen und adäquat auf sie reagieren können, ohne jemanden weh zu tun, dem ich gar nicht wehtun will. Dieser Gedanke führt uns eigentlich schon zu Erlebnis 2 und 3.
Erlebnis 2 (~ Sommer 2009) und Erlebnis 3 (Herbst 2010):
Erlebnis 2 handelt davon, dass ich einen Freund, der etwas zu tief ins Glas geschaut hatte, unter Kontrolle bringen wollte. Die Situation ergab sich, dass sein gestreckter linker Arm hinter ihm in einem Hebel war und seine Brust gegen eine Hausmauer gedrückt war. Da sich das Ganze beim Fortgehen abspielte, war ich selbst ein wenig angeheitert. Nachdem sich der erwähnte Freund wieder beruhigt hatte, wurde mir seinerseits vorgeworfen, viel zu hart vorgegangen zu sein. Ich hätte ihm fast den Arm ausgerenkt und wenn er „solche Tricks könne, dann wäre das alles ganz anders…“. Natürlich bestand niemals die Gefahr, dass sein Arm bleibende Schäden davonträgt. Dennoch: Nach diesem Erlebnis habe ich mir selbst vorgenommen – vor allem nach dem Alkoholkonsum – besser auf meine Handlungen mit meinen Freunden zu achten. Tatsächlich ist so etwas bis heute nicht wieder vorgekommen. Allerdings war da noch Erlebnis 3, welches sich im Spätsommer/Herbst 2010 ereignet und mich für längere Zeit stark beschäftigt hat.
Auch hier fand die Situation leider erst nach dem Genuss von Alkohol statt. Es fing damit an, dass mich zwei Freunde von der Seite triezten, während ich mich mit einem dritten Unterhielt. Nachdem ich mehrmals gesagt habe, dass sie das lassen sollen, fingen sie an, einen Nervenpunkt zu drücken, der direkt hinter dem Ohrläppchen liegt. Auch hier half es nichts, mit energischeren Worten vorzugehen. So passierte es, das ich mir das Handgelenk des Einen schnappte und gleichzeitig mit der Faust ausfuhr.
Nach einer Schrecksekunde überkam mich eine Welle der Reue. So etwas darf nicht passieren. Mein Freund ging unbeschadet aus der Situation heraus, ich habe auch nicht völlig durchgezogen sondern konnte noch abbremsen. Berührt habe ich ihn jedoch.
Die Tage danach quälte mich noch immer ein unangenehmes Schuldgefühl, sodass ich mit mehreren Freunden darüber sprach – unter anderem wieder mit Gudrun, mit der ich ein sehr langes und erstaunlich aufgeschlossenes Gespräch darüber geführt habe.
Solche Dinge dürfen nicht passieren. Niemand, der in der Lage ist, seinen Körper effektiv gegen Mitmenschen einzusetzen, sollte das jemals tun (müssen). Es gilt, Kämpfe zu vermeiden, da niemand einen Gewinn daraus zieht. Entweder man wird körperlich (im schlimmsten Fall verletzt) und/oder geistig (im schlimmsten Fall gedemütigt) besiegt, oder man geht das Risiko ein, sich schlechtes Karma auf zu laden.
Letztens habe ich eine längere und sehr interessante Unterhaltung mit Bernhard geführt, wo dann das Thema „Ultimate Fighting“ fiel. Muskelpakete, die auch noch kämpfen können – der Alptraum jeder Kneipenschlägerei. Die Frage ist doch, warum man so etwas tut. Klar – jeder sieht gerne Wrestling, aber das ist doch (vom Konzept her) „nur“ Show. Ich kann verstehen, dass es ein unbeschreiblich großer Vorteil ist, wenn man seinem Gegner im Ernstfall körperlich überlegen ist. Aber darum geht es doch gar nicht.
Ich hatte bald 22 Jahre lang das Glück, niemals aktiv in einer ernsten Kampfhandlung dabei zu sein. Zwar musste ich schon schlichten und die Gegenüber voneinander trennen, aber niemals musste ich mich wirklich verteidigen. Ich hoffe auch, dass das bis an mein Lebensende so bleiben wird.
Ich würde mir wünschen, wenn mehr Leute die körperliche Konfrontation meiden würden, sodass viele Bereiche unseres Umfelds (vor allem Nachts und vor allem für Schwächere) sicherer wären. Jeder von uns kann etwas dazu beitragen.