Genau diese Aussage ist Thomas Wolkinger quasi “zum Verhängnis” geworden. Wolkinger, seines Zeichens Chefredakteur des FALTER Steiermark, war verantwortlich für die Redaktion des Regionale10-Magazins. In einem seiner Artikel stellt er die These auf, dass Liezen die hässlichste Stadt Österreichs ist. Die stolzen Einheimischen der angesprochenen Region können so etwas natürlich nicht auf sich sitzen lassen: es bildet sich ein wütender Mob, der mit Fackeln und Mistgabeln bewaffnet den bösen Redakteur aus der Stadt jagt.
Nunja, so zumindest das Wunschdenken, dass man in den Augen der aufgebrachten Stadtbewohner lesen konnte. Gestern, am 9. Juni 2010, gegen 19 Uhr, kam es nun endlich zu einer Diskussion zwischen dem Sündenbock und den vermeintlichen Opfern der ganzen Geschichte. In der linken Ecke: Thomas Wolkinger und Dietmar Seiler, künstlerischer Leiter der RegX. In der rechten Ecke: in etwa 30 Liezener, deren Altersdurchschnitt ungefähr bei 50 oder darüber gelegen hat. Niemand im Raum – abgesehen vom Radio Freequenns Team – war jünger als 30; vielleicht sogar 40.
Man muss den Menschen allerdings zugute halten, dass sie sich trotz ihres Ärgers an den Grundgedanken einer zivilisierten, sachlichen Diskussion gehalten haben: Wenn einer redet, dann unterbricht ihn niemand.
Das Problem der Diskussion war allerdings, dass sie aus einem Missverständnis entstanden ist: der aufgebrachte Pöbel warf Wolkinger vor, Liezen zu bewerten – und zwar durchgehend negativ. Die Aufgabe des Journalisten ist es jedoch, genau das nicht zu tun. Wolkinger hat tatsächlich äußerst pointiert geschrieben; aber er bewertet nicht. Mit seiner Aussage, dass Liezen die hässlichste Stadt Österreichs sein sollte, hat er eigentlich nur das widergespiegelt, was er auf der Straße von den Menschen gehört hat. Dass das wohl der Realität entspricht, bestätigt eine Meinungsumfrage, die eine Arbeitskollegin von mir durchgeführt hat: auch sie konnte den Leuten auf der Straße kaum ein “ja” aus den Rippen leiern, als sie fragte, ob Liezen denn eine schöne Stadt sei und ob man hier gerne lebt. Stattdessen waren die Antworten eher verhaltend bestätigend oder gleich ein gerade heraus gesagtes “nein”.
Mein erster Eindruck von Liezen war auch nicht gerade der beste: eine Geisterstadt, in der absolut nichts los sein kann. Zur Verteidigung des Ortes muss man allerdings sagen, dass das Wetter damals nicht das Gelbe vom Ei war und es recht früh am Morgen war, als ich am Bahnhof ankam, der durchaus einen neuen Anstrich vertragen könnte.
Mittlerweile finde ich Liezen recht praktisch. Ich wohne in einem alten Bauernhaus und habe hier das Gefühl nicht nur im hintersten Winkel der Pampa zu wohnen, sondern fühle mich auch einige Jahrzehnte in der Zeit zurückversetzt. Keine zehn Meter vom Haus entfernt fließt ein rauschender Bach vorbei, neben dem man sich ins Gras legen und die Sonne genießen kann. Die Sorgen schmeißt man dann einfach in das kalte Wasser und lässt sie davonziehen. Zu Fuß keine zehn Minuten später steht man aber schon vor einem gigantischen Eurospar, der einem alle konsumtechnischen Wünsche erfüllt. Von dort ist es nur noch ein Katzensprung ins Festivalzentrum, meinem Arbeitsplatz.
Schaut man jedoch spät abends durch die Straßen, kann man vielleicht einen Blick auf am Straßenrand rumlungernde Jugendliche erhaschen, die sich mit Vodka und Bier die Kante geben.
Liezen funktioniert also, so oder so – weil das ja gestern ebenfalls ein heikler Punkt der Diskussion war: Liezens Verkehrsinfrastruktur. Nunja, würde Liezen tatsächlich nicht funktionieren, würde sich ja bald eine aufgebrachte Meute bilden, die in einem kollektiven Amoklauf mal richtig aufräumt… ach, halt, das war ja für gestern Abend geplant. Tja, außer ein bisschen Salz in alten Wunden ist wohl gestern nicht viel rausgekommen. Bleibt nur zu hoffen, dass beide Seiten etwas aus der Diskussion mitnehmen konnten. Für die Liezener wäre das dann etwas Verständnis für Journalismus und wie er funktioniert. Wolkinger hat wahrscheinlich nicht damit gerechnet, derart heftige Reaktionen auf seine Artikel zu erhalten. Will er sowas also in Zukunft vermeiden (man merkte, dass er sich im Laufe der Diskussion einiges eingestehen musste: “es war ja nicht so gemeint…”), dann wird er wohl gezwungenermaßen etwas an seinem Stil ändern müssen – zumindest was Publikationen außerhalb des FALTERS betrifft.

2 Kommentare
Kommentar-Feed für diesen Beitrag
12. Juni 2010 um 10:12
Thomas Wolkinger
lieber kevin! super, dass du das thema aufnimmst. nur eine kleine anmerkung: an keiner stelle habe ich geschrieben, liezen sei die hässlichste stadt österreichs. ich habe vielmehr eingeleitet mit: “liezen hat einen ruf zu verlieren – den als hässlichste stadt der steiermark”. das ist etwas total anderes. ich behaupte damit, liezen habe diesen ruf, und ich behaupte weiters, dass es an der zeit ist, dass liezen diesen ruf verliert. und zwar weil 1. ästhetik keine kategorie von stadt/qualität/entwicklung darstellt und 2. genau diese debatte über schön/hässlich verhindert, dass sich die leute in politik & verwaltung wirklich gedanken darüber machen, wie (partizipative etc.) stadtplanung in kleinstädten eigentlich funktionieren sollte, was unterschiedliche bevölkerungsgruppen jenseits von shoppingcentern, blumenampeln und cineplexen an öffentlichen räumen brauchen. widersprechen möchte ich auch in bezug auf den diskussionsverlauf: es war eine typisch patriarchalisch-hierarchisch strukturiertes gespräch. erst der bürgermeister, dann der ex-bürgermeister, dann der bundesrat, der ex-pfarrer und der alpenvereins-typ… interessant, dass derlei immer noch mehrheitsfähig ist. und: NICHTS wurde & wird zurückgenommen
lg,
thomas wolkinger
28. Mai 2011 um 20:33
Willi
Der Verfasser dieses Artikels war vermutlich noch nie in Zeltweg, der wahrscheinlich hässlichsten Stadt Österreichs!