[Hintergrundinformation: Vom 2. Juni bis 14. August fand die regionale10 in Liezen statt. Die regionale ist ein Kunst- und Kulturfestival, bei dem ich mein Pflichtpraktikum absolviert habe - genauer gesagt beim Festivalradio "Radio Freequenns".]
Abgesehen von arbeitsrelevanten Dingen habe ich von der regionale10 auch vieles über folgendes gelernt:
- Toleranz und Akzeptanz
Toleranz ist etwas, was man leichtfertig ausspricht aber nur schwer leben kann, das wurde mir in den letzten Wochen bewusst. Vor allem einer meiner Kollegen hat mir diesbezüglich die Augen geöffnet und dafür möchte ich ihm danken. Zu behaupten, man sei tolerant, ist einfach. Aber tatsächliche Toleranz bedeutet, nichts zu verachten. Nicht das Kind des Kollegen, weil es ständig nervt; nicht den Möchtegern-Nazi auf der anderen Straßenseite, weil er eine andere Weltanschauung hat; nicht den Gegenüber, weil er sich anders kleidet, andere Musik hört und beim Lachen grunzt.
Toleranz auch der Landbevölkerung mit ihrem vermeintlich beschränkterem Horizont gegenüber. Ich selbst bezeichne mich als Landei und erwischte mich selbst hin und wieder dabei, gewisse Vorurteile den Bewohnern von Liezen gegenüber gehabt zu haben. Das hat sich geändert. Ich toleriere meine Mitmenschen nicht nur mehr, ich respektiere sie mehr als zuvor.
Vor allem das Projekt “Fremdsehen” dürfte für viele Regionen wertvoll gewesen sein. Es ging darum, dass Künstler aus verschiedensten Nationen in verschiedene Orte verfrachtet wurden und sich selbst und ihre Kultur dort der alteingesessenen und erzkonservativen Dorfbevölkerung vorstellten. Die Menschen lernten, dass die Welt bei ihrem Ortsschild nicht endet und auch die Künstler haben ganz offensichtlich die Menschen und die Region in ihr Herz geschlossen. Ein herzliches kultur- und ethnienübergreifendes Miteinander war dadurch möglich.
- Musik und Kultur
Von Kultur hatte ich keine Ahnung und dementsprechend auch wenig Interesse daran. Auch das hat sich geändert. Es ist unglaublich, was man selbst in den hintersten Winkeln der ländlichen Regionen an Potentialen entdecken kann. Auch die Menschen aus Stainach verstehen es, gutes Theater zu spielen; die Jugendlichen aus der Region können verschiedenste Instrumente verdammt gut spielen und wissen, wie man eigene Songs zum Besten gibt; und selbst leblose Objekte wie Berge können diese Menschen in ganz neuem Licht darstellen – und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Musikalisch hat sich bei mir ebenfalls einiges verändert. Zwar höre ich immer noch dieselbe Musik wie auch vor meinem Praktikum, allerdings glaube ich, mittlerweile viel offener neuen Genres gegenüber geworden zu sein. Sei es Jazz, neue Musik, Metal oder sogar Volksmusik, Rap und Hip-Hop. Viel neues wurde mir gezeigt, das ich jetzt mit anderen Augen sehen kann.
- chronisches arbeiten und obsolete Freizeit
Im Zeitraum zwischen 1. Juni und 14. August hab es insgesamt fünf Tage, an denen ich nicht gearbeitet habe. Zwei davon war ich krank. Diese Erfahrung zu machen war äußerst wertvoll für mich. Erst war es aufregend, ich habe eine Art Experiment daraus gemacht: wie lange kann ich, ohne auszubrennen? Gezwungenermaßen brach ich nach drei Wochen ab, da ich keine saubere Unterwäsche mehr hatte und uns keine Waschgelegenheit zur Verfügung stand. Der darauf folgende Tag fühlte sich aus verschiedenen Gründen an wie eine Wiedergeburt.
Alles in allem bin ich froh, dass dieses Praktikum zustande gekommen ist. Ich habe viele neue Leute kennen gelernt; und die, die ich schon kannte, habe ich neu kennen gelernt. Ich konnte extrem viel von meinen Mitmenschen, ihrem Verhalten und meinem restlichen Umfeld lernen und dafür bin ich dankbar. Auf das alle Beteiligten ebensoviel für sich lernen konnten und die ein oder andere Lebenserfahrung machen konnten.

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